
Um Gutes (oder gar Großes) zu erreichen, bedarf es ausreichender Kenntnis und einer klaren Vorstellung des Machbaren. Das gilt auch für den Moselwein.
Meine Mitarbeiter und ich bereisen in jedem Jahr andere Weinbaugebiete und verkosten Weine verschiedenster Herkunft. Besonders liegt uns natürlich an den Weinen von Weltruf. Mit ihnen setzen wir uns auseinander, denn wir sind Winzer und Weinliebhaber zugleich.
Die Erkenntnisse aus unseren vielen Verkostungen helfen uns, ein klares Bild von unserem Weinideal zu entwickeln. So können wir auch klare Ziele definieren — und die einzelnen Schritte dorthin. Unsere ganzheitliche Sicht spannt sich von der Auswahl des Pflanzgutes bis hin zu dem Eindruck, den der Wein auf die Sinne machen soll.
Kompromisslose Qualität ist unser Anspruch. So schaffen wir die besten Bedingungen für den Prozess der Weinentstehung.
Unsere Weine werden ausschließlich aus der Rieslingtraube gekeltert, denn diese Rebsorte ist prädestiniert für die Gegend hier.
Schon der Trierer Kurfürst Wenzeslaus von Sachsen wollte die Qualität des heimischen Weinbaus verbessern. 1787 setzte er in seiner landesherrlichen Verordnung fest, „alle minderwertigen Rebsorten auszuhauen und durch Riesling zu ersetzen“.
Eine richtige Entscheidung für die Mosel und den Riesling: Besonders in den Flusstälern von Mosel, Saar und Ruwer findet er weltweit einzigartige Bedingungen, die seine vielfältigen Geschmacksvarianten formen und seine Stärken am besten akzentuieren: Eleganz, Leichtigkeit, Finesse und Reifungspotenzial.
Aus dem Schiefer bezieht der Riesling seine wunderbare rauchig-salzige Mineralität. Und dem kühlen Reizklima verdankt er seine charakteristische Säure, die durch die typische Restsüße belebend wirkt. Es entsteht ein schlanker, eleganter, rassiger Wein, der zum genussvollen Trinken animiert — man kennt ihn in aller Welt als Moselriesling.
Schiefer ist ein Boden, der nur in wenigen Weinbaugebieten der Welt zu finden ist.
Die Rebsorte Riesling gewinnt ernorm an Geschmack, wenn sie auf grauem, rotem oder blauem Schieferboden wächst. Denn der Schiefer gibt leicht Mineralien an die Rebe ab und verleiht dem Wein so einen besonderen, mineralischen Charakter.
Diese „Mineralität“ gibt dem Wein Struktur und schafft Trinkvergnügen. Sie puffert die für kühlere Weinbau-Regionen typische Säure ab, lässt sie fein und seidig wirken.
Gerade in Kombination mit einer leichten Restsüße hilft die Schiefermineralität, die Spannung zwischen Süße und Säure in einer unnachahmlichen Fruchtigkeit münden zu lassen.
Man kann einen Weinberg als bloße Produktionsstätte sehen. Dann genügen ein fruchtbarer Boden und ertragreiche Reben. Was aber fehlt, ist der typische „Geschmack“ der Lage.
Ein Weinberg ist wie eine alte Stadt, die uns durch die verschiedenen Zeugnisse ihrer Geschichte bezaubert, durch ihre Paläste, Häuser, Kirchen, Plätze, Straßen und Bäume. Im Laufe der Zeit ist hier Unterschiedliches zu einer Einheit zusammengewachsen, die der Stadt ihr einzigartiges Flair verleiht. Einzigartig ist auch der gewachsene Weinberg mit seiner besonderen Bodenschichtung, mit dem feinen Geäst der Wasseradern und den unterschiedlich alten Reben.
Alte Reben wurzeln tief, tief aus dem Gestein ziehen sie das mineralhaltige Wasser. Gleichzeitig sind sie von schwachem Wuchs, spenden so von sich aus niedrige Erträge von höchster Qualität — ohne brutale Ertragsreduzierung durch den Winzer. Ihre Genetik ist noch ursprünglich. Darum ersetzen wir nur sterbende Reben durch neue. In einigen unserer Lagen finden sich wurzelechte Reben, die mehr als 80 Jahre alt sind.
Ein wahrer Wein bringt die Eigenschaften seiner Herkunft im Geschmack zum Ausdruck, diesen einzigartigen Mix aus Boden, Mikroklima, Rebsorte, Arbeit, Sorgfalt und Intuition. Es ist der Auftrag des Winzers, das Terroir der Lage ins Glas zu bringen.
Le vigne aime le soleil, mais plus encore l’ombre de son maître. Dieses alte Sprichwort der französischen Winzer sagt es poetisch klar: Ein guter Wein braucht Sonne.
Aber nicht minder, vielleicht sogar mehr noch, die aufmerksame Pflege des Winzers. Zuwendung und stetige Arbeit, die oft nur mit den Händen getan werden kann, sind nötig. Wie zum Beispiel das Auflockern des Bodens mit der Hacke (dem „Karst“), wie wir es regelmäßig in unseren steilen, terrassierten Hanglagen tun.
Durch die stetige und sorgfältige Arbeit im Weinberg schaffen wir die besten Voraussetzungen für einen guten Wein. Und die Arbeit lohnt: Denn große Weine entstehen im Weinberg und in großen Lagen — sie werden nicht im Keller gemacht.
Ich glaube, unsere beständige Anwesenheit hat einen zusätzlichen Effekt: Die Reben scheinen sie zu „spüren“ — und danken es mit einer gedeihlicheren Entwicklung.
Wer die Region hier kennt, weiß: Wir können an der Mosel nicht mit Weinbauregionen konkurrieren, die große Mengen Wein leichter und günstiger produzieren. Die Mosel ist kein Weinbaugebiet, das mit billigen, kommerziellen Weinen erfolgreich sein kann. Wir haben zwei Möglichkeiten:
Entweder investieren wir in arbeitsintensiven Weinbau und erzeugen so großartige Weine, dass Weintrinker aus aller Welt für diesen Genuss gerne bereit sind, den Preis zu zahlen, den wir brauchen, um unsere besonders steilen Weinberge erfolgreich zu bewirtschaften. Oder aber: Wir lassen Ziegen darauf weiden.
Damit der Lagencharakter erhalten bleibt, muss der Fluss der Weinbereitung von der Traube bis zur Flasche absolut schonend und sanft sein.
Wir verzichten deshalb, wo möglich, auf übertriebene Technik und auf Chemie zugunsten des traditionellen Handwerks und der Natur.
Nur so können wir Qualität und Charakter des Gewachsenen erhalten, in die Flasche bringen und höchste Trinkfreude erreichen. Im Keller, könnte man sagen, sind wir Minimalisten.
Ein kühler Keller ist die Voraussetzung für eine langsame Gärung — Fruchtigkeit und Aroma der Weine können sich hier maximal entwickeln. Je gezügelter die Gärung verläuft, desto langsamer entbindet sich das Gärgas.
So verbleiben trotz ihres flüchtigen Charakters vielfältige Aromen im Wein. Denn der köstliche Duft im Weinkeller ist ein falsches Versprechen: Was hier wunderbar duftet, fehlt später im Wein. Die Kohlensäure, leicht im Wein gebunden, bereitet erfrischende Trinkfreude und macht den Wein lange haltbar. Ansonsten überlassen wir den Wein bei der Gärung sich selbst, setzen auf natürliche Hefen (Spontangärung).
Industrielle Hefen, Enzyme, synthetische Hilfsmittel und sonstige Chemikalien wird man bei uns vergeblich suchen. Der Wein soll die Möglichkeit haben, sein Gleichgewicht selbst zu finden.
Das Risiko einer Fehlgärung kann natürlich niemand ausschließen. Vertrauen und Geduld sind unverzichtbar — oft ist die Belohnung ein großer Wein.
Ein besonderer Wein hat einen besonderen Charakter. Die ältesten und klassischen Weinbaugebiete unseres Planeten bringen Weine mit einem besonders eigenständigen und unverwechselbaren Charakter hervor.
Was beim Champagner das Mousseux, ist beim Moselriesling die Restsüße; sie bleibt im Wein erhalten, wenn die Hefe nicht den gesamten Zucker der Trauben in Alkohol verwandelt. Die natürliche Restsüße macht unseren Wein nicht nur unverwechselbar.
Sie hat viele weitere wunderbare Vorzüge: Der geringere Alkoholgehalt des Moselrieslings gewährt Trinkspaß ohne Reue. Und der harmonische Dreiklang von Restsüße, fruchtiger Säure und salziger Mineralität sorgt für ein unverwechselbares saftig-fruchtiges Geschmackserlebnis.
Mit fortschreitender Reife des Weins tritt die Restsüße in den Hintergrund, der Wein findet Jahr für Jahr mehr Balance.
Zudem wirkt die feine natürliche Restsüße konservierend, sie trägt erheblich zur Lagerfähigkeit des Moselweins bei. Diese Möglichkeit sollte man nutzen: Die qualitativ besten Moselweine können Jahrzehnte reifen; ein paar Jahre sollte man ihnen vor dem Öffnen unbedingt geben.
Deutschland ist das einzige Weinbauland der Welt, das seine Weine in zwei Kategorien einteilt, und zwar in
Vor der Neugestaltung des Weingesetzes 1971 trugen die Prädikatsweine treffenderweise die Bezeichnung „Naturweine“. Mit diesen Natur- bzw. Prädikatsweinen hat Deutschland als Weinbauland ein einzigartiges Reinheitsgebot für seine Weine geschaffen.
Mithilfe der Einteilung des Weines in verschiedene Prädikate erhält der Weintrinker ein klares Profil des Moselweines. Ein Moselwinzer sollte sich bei der Weinbereitung an dieses Profil halten. So entstehen regelrechte Weintypen, die mehr sind als Qualitätsstufen.
Ein Kabinett, die erste Stufe der Prädikatsweine, sollte immer ein leichter, schlanker, eleganter Wein mit niedrigem Alkoholgehalt sein. Die Spätlese, als nächste Stufe, ist die saftige, fruchtige Vertreterin des Moselrieslings — eine Kategorie, die eine besonders ausdrucksvolle Darstellung des Lagencharakters ermöglicht.
Die Auslese ist die vollmundige, kräftige, den ganzen Mund auskleidende Variante des Moselrieslings mit langem Nachhall und enormem Alterungspotenzial. Die edelsüßen Fruchtprädikate (Beerenauslese, Trockenauslese, Eiswein) sind Edelsteine, die nicht jeder Jahrgang hervorbringt. Es sind wertvolle Raritäten.
Wenigen ist heute bekannt, wie lange ein ausgezeichneter Moselwein reifen kann.
Gute Moselweine können nicht nur reifen, die hochwertigsten sollen es sogar. Zwar fällt dies in Zeiten eingeschränkter Lagermöglichkeiten immer schwerer, aber lohnend ist es allemal!
Anders als ein noch junger Wein mit seiner pikanten Säure und seinen Gäraromen ist ein perfekt ausgereifter Moselriesling vollkommen ausbalanciert — und zeigt immer noch seine herrliche Fruchtigkeit.
Seine Struktur ist fein und seidig und sein Aromenspektrum an Komplexität nicht zu überbieten.
Wie die Weine aus den anderen klassischen Weinbaugebieten, etwa Burgund und Bordeaux, ist Moselwein besonders bekömmlich, wenn er gereift ist.